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Sag Ja zur Moschee!

Diesen Dreck hatten wir heute früh im Briefkasten: Eine Postkarte gegen die geplante Moschee in Erfurt, die ich an den Oberbürgermeister schicken soll, um das “Wohl unserer christlichen Heimat” gegen “westdeutsche Zustände und kriminelle Parallelgesellschaften” zu verteidigen. Wie geht man mit so etwas um? Das mache ich:
1. Ich schreibe an den Oberbürgermeister und teile ihm mit, dass ich den Bau der Moschee ausdrücklich befürworte.
2. Ich schicke die Postkarte unfrei an den als V.i.S.d.P. angegeben “Ein Prozent e.V.” zurück.

Rückseite der PostkartenKampagne gegen die Moschee in Erfurt

Der Verein soll Pegida und den neuen Rechten nahestehen. Er sitzt übrigens in Sachsen und nicht in Thüringen. Hier eine Spurensuche des mdr zum Vereinsvorstand Helge Hilse.

Es ist wichtig, sich jetzt zu äußern. Deshalb hier der Wortlaut meines Schreibens an den Bürgermeister und den Stadtrat. Kann gern kopiert werden:

Lieber Herr Bausewein, liebe Mitglieder des Stadtrates,

ich schreibe, um Ihnen mitzuteilen, dass ich den Bau der Ahmadiyya-Moschee ausdrücklich befürworte. Ich unterstütze, dass die Moslems, die bei uns leben, einen Ort haben, an dem sie ihre Religion ausüben können. Nach allem, was ich gehört und gelesen habe, steht die Ahmadiyya-Gemeinde für einen offenen Islam. Ich bitte Sie, lassen Sie sich nicht beeindrucken von der Welle von Postkarten, die möglicherweise auf Sie zurollt (eine habe ich beigelegt).

Bitte prüfen Sie auch, ob die Stadt gegen diese Art der Meinungsbeeinflussung und gegen den als V.i.s.d.P. auftretenden »Ein Prozent e.V.« (der übrigens in Sachsen sitzt) vorgehen kann. Meine Unterstützung haben Sie!

Herzliche Grüße, Anke Engelmann

(Nachtrag: Natürlich habe ich die Retour-Karte nicht mit meinem Namen unterzeichnet, sondern die an den Oberbürgermeister.)

Gerechte Sprache? Unbedingt! Frauen sollen sich selbst deutlich nennen und andere sollen zeigen, dass sie Frauen wertschätzen. Wenn eine Frau von sich sagt: “Ich bin Lehrer”, schmerzt mich das. Als ginge bei solchen (Nicht-)Bezügen ein wichtiger Teil dessen verloren, was diese Frau ausmacht. Als könnte sie sich in ihrem Beruf als Person nicht vollständig einbringen, sondern müsste sich anpassen und einschränken.

Doch die gerechte Sprache, auch in ihrer soften Variante wie hier im Genderwörterbuch “Geschickt gendern”, regt mich auf. Nach meinem Eindruck befördert sie mit Passivkonstruktionen und geschlechtsneutralen Wortbildungssuffixen wie -schaft, -heit, -keit das Beamtendeutsch. Wichtiger noch: Akteure werden ausgeblendet. Ich bin nämlich auch für eine lebendige und unmittelbar-konkrete Sprache. Ich will intuitiv und trotzdem gerecht sprechen und schreiben. Ich will deutlich sagen, wer etwas getan oder nicht getan hat.

Mein Vorschlag: Hände weg vom Substantiv! Hört auf, die armen Dinger wie Weihnachtsbäume zu behängen! Sternchen, Unterstrich, Schrägstrich, Groß-I, Klein-i, das bimmelt und klimpert und am Ende weiß eine nicht mehr, was das Wort selbst eigentlich bedeutet. Jenseits aller Ver- und Entgenderung meine ich. Und bitte nicht an den Substantiven selbst rumbasteln, um sie zu “entschärfen”! Im Deutschen sind auch Artikel Genusmarker. Die doppelte Markierung Artikel + Anhängsel am Substantiv ist im Grunde völlig überflüssig. Nehmen wir doch einfach unsere Sprache ernst und die Möglichkeiten, die sie uns bietet. Machen wir das Gendern intuitiver und konkreter und die Grammatik auch! Echt jetze!

Das Problem ist strukturell, die Substantiv-Fixiertheit auch. Das Deutsche (Linguistik Grundstudium, frei nach Schlegel) ist auf dem Weg vom synthetischen zum analytischen Sprachbau. Grammatische Kategorien wie das Geschlecht der Substantive werden überwiegend extern, also mit der, die und das oder ein, eine, ein markiert. Im Singular problemlos als Genusmarker zu benutzen:
Ich gehe zu der Arzt. Ich gehe zu dem Arzt.
Ich gehe zu einer Arzt. Ich gehe zu einem Arzt.

Das würde auch (ich denke jedenfalls, dass es das würde) auf die Nullartikel in Singular und Plural strahlen.

Der bestimmte Plural-Artikel entspricht schon jetzt für alle Genera formal dem weiblichen im Singular (wie auch das Personalpronomen):
die Ärzte
Gut so!

Kann und will ich gern noch weiterdenken. Geht übrigens zurück auf Luise Pusch, hier noch einmal zum Schmökern ihre Seite. Allerdings (Aufschrei) würden diejenigen keine sprachliche Repräsentanz finden, die sich als weder weiblich noch männlich verstehen. Ich finde jedoch (AUFSCHREI!), nicht jede Einzel-Identität sollte in der Allgemein-Sprache eine Botschaft eröffnen dürfen.

Manchmal spreche ich übrigens tatsächlich so, das heißt, ich benutze die Artikel konsequent genusbezogen. Dann freue ich mich diebisch über Irritationen und darüber, “Unordnung” in die Sprache zu bringen und sie ein bisschen anzustubsen. Denn Sprache verändert sich nicht von allein!

Apropos: Hier noch ein Artikel zum sogenannten generischen Maskulinum vom Sprachblog des Linguisten Anatol Stefanowitsch.

Grammatikblog: Tipp

Noch ein Tipp (weil wir schonmal dabei sind):
diesen zauberhaften Grammatik-Blog lege ich allen wärmstens ans Herz:
Angelika Jodl.
Das Buch dazu heißt: “Die Grammatik der Rennpferde” und ich will es lesen. Unbedingt!

Ein Linktipp unter Kolleginnen: Bei Melanie Schultz: www.buchschreiben.com
findet sich ein kostenloses E-Book mit vielen nützlichen Schreibtipps.

Action und Perspektive

Eine weitere Schreibbeobachtung: Mir fällt es schwer, Action-Szenen zu schreiben. Ich schleiche mich gern von hinten an, aus dem sicheren Versteck, Rückblende, jemand anders beobachtet und erzählt … Als wäre da ein Dilemma: Wenn einer Figur etwas passiert, muss sie sofort reagieren. Sie kann nicht labern. Also muss jemand anders den Redepart übernehmen.

Wenn ich gerade in einer personalen Erzählperspektive stecke, rutsche ich bei action-Szenen leicht ins Auktoriale. Auktorial mag ich nicht schreiben. Wirkt so onkelhaft.
Was unterscheidet:
»Ein Moment, im Nachhinein. Die Faust vor seinem Gesicht und der Gedanke: ›Das passiert jetzt mir!‹ Das Nächste, woran er sich erinnerte …« und
»Er sah die Faust auf sich zukommen. Blitzschnell wich er mit einer Drehung aus. Sein Angreifer setzte nach. Erwischt! Er spürte keinen Schmerz. Im Fallen dachte er verwundert: ›Das passiert jetzt mir?‹. Dann dachte er nichts mehr. Dunkelheit umfing ihn.«
Der Abstand.

Erklärung:
1. Ich bin sehr dicht (zu dicht?) an meinen Figuren.
2. Personen, ihr Verhalten und ihre Interaktion: daraus entfaltet sich bei mir die Handlung. Nicht aus Szenen oder Bildern.

Baumgeschichten

Hieroglyphen

»Lies!« Bücherfresser hielt Jockel einen morschen Ast hin.
»Das ist ein Stock!«
»Lies!«
»Hey! Hör auf, mir damit vor der Nase rumzufuchteln!« Doch Bücherfresser hielt ihm das Ding unbeirrt entgegen. Jockel seufzte. »Na gut!« Er nahm ihn, drehte ihn, hielt ihn unter die Augen und fuhr schließlich mit den Fingern darüber.
»Is ja abgefahren. Das sieht aus wie Schrift!«
»Holzwurm-Hieroglyphen«, Bücherfresser strahlte stolz. »Wer sagt denn, dass Würmer nicht schreiben können?«
»Kannst du das etwa lesen?«
»Noch nicht. Aber es gibt Dialekte. Regionale Unterschiede. Schau mal. Das hier zum Beispiel«, er zeigte auf ein besonders ausgeprägtes Relief: »ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Botschaft an andere, vorbeiziehende Wurmgruppen. Dieses Motiv habe ich mit nur geringfügigen Abweichungen auf 93 Prozent meiner Untersuchungsgegenstände gefunden.«
»Und? Was schreiben die Würmer so? Hier is viel Holz vor der Hütte? Oder: Vorsicht, Specht?«
»Ich stehe kurz vorm Durchbruch.«
»Durchbruch. Schon klar.«

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