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Alt?weiber?sommer

Kurioses Fundstück: Der Begriff “Altweibersommer” stelle keine Diskriminierung dar, urteilte 1989 das Langericht Darmstadt. Eine ältere Dame hatte dagegen geklagt, dass in den Wetterberichten dieser Begriff verwendet wird. “Weib” sei negativ konnotiert, hatte sie argumentiert, “altes Weib” suggeriere, dass die Person keine Frau mehr sei.

Das Gericht schloss sich ihrer Auffassung nicht an und sah weder eine persönliche Beleidigung noch die Herabwürdigung einer ganzen Gruppe. Damit sich ein einzelnes Gruppenmitglied angesprochen fühlen könne, müsse der betroffene Personenkreis zahlenmäßig überschaubar sein. Das sei angesichts der unbestimmten Zahl älterer Frauen nicht gegeben. Seitdem allerdings entschuldigt sich der deutsche Wetterdienst regelmäßig in vorauseilendem Gehorsam, dass die Bezeichnung Altweibersommer “aus meteorologischer Sicht weder frauenfeindlich noch despektierlich” sei.

Zunächst mal: Das Wort “Weib” entsprach im Mittelhochdeutschen unserem heutigen “Frau” (wîp). “Frau” wiederum (“frowe”) war den Fürstinnen vorbehalten. Als immer mehr “wîber” sich lieber “frowen” nennen ließen, rutschte alles eine Kategorie tiefer, Frau wurde normal und “Weib” bekam einen abfälligen Beigeschmack. Sprachgeschichte erstes Semester.

Aber das nur nebenbei, denn mit “Weib” hat der Altweibersommer usrprünglich nicht viel zu tun, eher mit Spinnen und ihren Geweben, die in dieser Jahreszeit durch die Luft – ja, was eigentlich? Schweben? Im Wörterbuch der Brüder Grimm (DWB) leider zum Altweibersommer nicht viel, im Südhessischen Wörterbuch: “…’Fliegender Sommer’, Gewebe der Flug- oder Marienspinne …”. Zu “weiben” bei den Grimms: “…verb. sich hin und her bewegen, schwanken, flattern, wedeln …” Und wahrscheinlich hat damals schon der sogenannte Volksmund die beiden Begriffe miteinander vermengt und daraus die “alten Weiber” gemacht, die im Sommer ihre Fäden spinnen.

Mir gefällt das Wort. Ich bin gerne bereit, eine persönliche Patenschaft dafür zu übernehmen. Falls sich immer noch welche beleidigt fühlen, machen wir eben “Altankesommer” daraus. Oder einen “Altulrikensommer”. (Danke an Ulrike für die Idee)

Um ein Gedicht, das Eugen Gomringer 1951 geschrieben hat, hat sich eine heftige Diskussion entsponnen.

avenidas
avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

ist derzeit (noch?) an der Fassade der Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) in Berlin zu lesen, wo übrigens auch kreatives Schreiben unterrichtet wird. Das Gedicht soll nun weg, Vorschläge zu einer neuen Fassadengestaltung können bis Oktober eingereicht werden, gab der Akademische Senat bekannt. Die Hochschulleitung hofft, dass die Verse bleiben können, wenn sie in einem erklärenden Kontext stehen. Erklärender Kontext. Auf einer Häuserwand. Hm. Könnte ein interessantes Projekt werden.

Gomringers Gedicht erinnere “Frauen*” “unangenehm daran”, dass sie “nicht in die Öffentlichkeit gehen können”, ohne “für ihr körperliches Frau*-Sein bewundert zu werden”, beschwerte sich der Allgemeine Studierenden-Ausschuss AStA in einem Offenen Brief, “… eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.” (sic) Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz seien vor allem abends “männlich dominierte Orte”, an denen Frauen sich nicht wohl fühlen.

Genau. Darüber muss man reden.

Dass sich die Frauen unsicher fühlen auf dem Weg von und zur Uni, wird sich nicht ändern, wenn das Gedicht überpinselt oder in einen erläuternden Kontext gestellt wird. Jetzt beschäftigen sich eine Menge Leute mit der Sache, FAZ, Welt, Spiegel, das ganze Feuilleton schüttet Häme aus. Immerhin, das Gedicht kommt weg. Ist doch ein Sieg, oder?

Worum geht es wirklich? Langsam halte ich diese Angst, mit Worten jemanden zu triggern, tatsächlich für einen Scheinkampf. Großer Wirbel, schneller Sieg. Das ist gefährlich, für die Sprache, weil sich bald keiner mehr traut, Klartext zu reden. Und für das, was wirklich erkämpft werden muss: dass Frauen keine Angst mehr haben müssen auf den avenidas.

Hier die deutsche Übersetzung des Gedichtes, auch nach dem AStA:

Alleen

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Übrigens: Konstellation oder Konstruktionsgedicht: Ich wende diese Form oft beim kreativen Schreiben an. Substantive (möglich sind auch andere Wortarten) und die Konjunktion, die die Glieder kettengleich bindet. Sonst nichts. Ein Wort zieht das nächste nach sich, die Wörter werden einander beigestellt, färben sich gegenseitig und etwas Neues tritt hervor. Das letzte Wort, der letzte Vers ist frei. Macht Spaß!

Nachtrag:

In unserer Schreibwerkstatt am 7. September haben wir über das Thema heftiog diskutiert. Und Avenidas geschrieben. Meins passt zum Thema:

Scheingefecht

Scheingefecht und glatt daneben.

Glatt daneben

glatt daneben und doch getroffen.

Scheingefecht

Scheingefecht und doch getroffen

Scheingefecht und glatt daneben und doch getroffen:

mittens ins Herz von Sprache und Poesie.

Nachtrag 2:

Dazu hat Margarete Stokowski (danke Rüdiger für den Hinweis) im Spiegel eine kluge Kolumne geschrieben

Gestern habe ich ein Schreiben vom Jobcenter bekommen und bin total aufgebracht. Dieser Ton! Ich muss eine Summe zurückzahlen, das steht seit zwei Wochen von Rechts wegen fest und ich habe nur auf den Bescheid vom Jobcenter gewartet, auf dem die Daten stehen.

Der kam nun und er ist folgendermaßen formuliert (arrrgh!)

Zahlungsaufforderung

Sehr geehrte Frau E.,

Sie haben bis zum 1. September 2017 einen Betrag in Höhe von … unter Angabe von … und Verwendung folgender Bankdaten zu überweisen (…)

Sofort habe ich mich gefühlt wie ein Kind, das ausgeschimpft wird, weil es sehr, sehr böse war. Wer entwirft die Textbausteine für solche Schreiben? Wem bricht ein Zacken aus der Krone bei einem (wie heißt das Zauberwort) “Bitte”?

Die Konstruktion heißt übrigens “modaler Infinitiv”. Beim Institut für deutsche Sprache Mannheim habe ich dazu folgendes gefunden:

“haben zu

(…) Die Verben bzw. Prädikatsausdrücke, auf die es angewendet wird, bezeichnen in der Regel Handlungen oder auch Prozesse und Zustände, die durch menschliche Handlungen beeinflusst, herbeigeführt oder durch Menschen verfügt werden können, vgl.:

Ein Kind hat die Anweisungen der Eltern zu befolgen.
Das Fenster hat immer offen zu sein.
Diese Regel hat einfach zu stimmen.

Sporadisch können sie jedoch auch Prozesse und Zustände bezeichnen, die von menschlichen Handlungen und Intentionen weitgehend unabhängig sind, vgl. etwa:

Das Kind hat zu wachsen.” (Zitat Ende)

Hä? Ähm, liebe KollegInnen vom IDS: Bei mir kommt da was anderes an. Ein Befehl zum Beispiel oder eine Anweisung. Weil der Anweisende unsichtbar bleibt, haben sie eine Anmutung von universaler Geltung und man kann sich ihnen nur schwer entziehen:

“haben + zu + Infinitiv”

“Du hast die Klappe zu halten!” (=Schnauze!)

“Ein Kind hat seinen Eltern zu gehorchen!” (=so steht es in der Bibel und so bleibt es in alle Ewigkeit)

oder mit “sein + zu + Infinitiv:

“Den Anweisungen des Personals ist unbedingt Folge zu leisten.” (=Schalten Sie Ihr Gehirn aus und latschen Sie dem Käpt’n/Lokführer/Uniformierten hinterher)

“Du hast hier nichts zu sagen” hätte zwei Interpretationen:

1. (Frage:) “Angeklagter, haben Sie noch etwas zu sagen? (Antwort:) “Nein, ich habe nichts zu sagen.” (modaler Hintergrund: wollen)

2. (Einwand:) “Aber …” (Gegenrede:) “Halt die Klappe. Du hast hier nichts zu sagen!” (modaler Hintergrund: dürfen)

Was ist das für ein Beiton? Wo kommt der her? Gefunden habe ich dazu nicht viel. Wäre ein schönes Thema für eine wissenschaftliche Arbeit, liebe SprachwissenschaftlerInnen:

“Der Gebrauch des modalen Infinitivs im Amtsdeutsch der deutschen Gegenwartssprache und seine modalen Implikationen. Untersuchung anhand der Kundenkorrespondenz der Jobcenter”

Bitte, bitte, gern geschehen.

Mein Manuskript ist fertig (zumindest von meiner Seite aus), aber wie komme ich jetzt zu einer Veröffentlichung? Bekannt ist, dass Verlage an unverlangt eingesandten Manuskripten unbekannter AutorInnen ersticken (100 pro Woche, heißt es). Also habe ich Agenturen angeschrieben: Sechs Anschreiben, sechs Absagen. Denn auch Agenturen ersticken an unverlangt eingesandten Manuskripten unbekannter AutorInnen. Nächster Schritt: zwei Verlage (nicht die ganz großen, aber sehr gute), Antwort steht aus.

Gefordert werden Exposé und Textprobe. Mit dem Exposé habe ich lange gekämpft, erst, nachdem ich meins einem Kollegen geschickt hatte (danke, Olaf!) habe ich die nötige Distanz gefunden, es als das zu betrachten, was es ist: ein Bewerbungsschreiben. Und so habe ich das Exposé völlig umformuliert: Veröffentlichung wäre Risiko für Verlag, weil kein Etikett aufzukleben, aber der und der Nutzen, das Besondere, mein Alleinstellungsmerkmal ist … Außerdem hatte ich große Probleme mit dem Waschzettel, also die Handlung so zusammenzufassen, dass sie logisch wirkt und die Episoden nicht unmotoviert hin und her hüpfen. Wenn sowas passiert, liegt das mit Sicherheit am Manuskript, deshalb war für mich die Arbeit am Exposé noch einmal Arbeit an meinem Text.

Wenn die Verlage auch ablehnen, hole ich mir eine professionelle Meinung. Zähneknirschend. Ein Autorencoaching als Dienstleistung (als solche auch zu einem entsprechenden Preis) hilft Debütautoren, auf den Markt zu kommen. Aber eigentlich läuft da ganz schön was schief, oder? Es ist Aufgabe der Verlage, das Potenzial eines Textes herauszufiltern und mit dem Autoren/der Autorin entsprechend zu arbeiten. Anscheinend lagern viele Verlage diese Aufgabe zunehmend aus und nehmen nur Material, an dem sie nicht mehr viel machen müssen. Folge: Sie sparen sich die Lektorinnen, die müssen ihre Leistungen den Autoren direkt anbieten und die zahlen für eine Leistung, die kostenlos sein sollte, weil sie zum Spektrum der Verlage gehören sollte. Ein Kreislauf, an dem ich mich nicht beteiligen will. Eigentlich.

Und AutorInnen die kein Geld für Lektorat oder Coaching haben? Die brauchen Glück. Vieeel Glück.

Linktipp zum Exposé: Textmanufaktur

Literaturtipp: André Hille: Titel, Pitch und Exposé

Nachtrag am 17.8.2017: Nach der Lektüre des Hille-Buches weiß ich, was immer noch nicht stimmt bei meinem Exposé. Oioioioi!

Ulrike Gramann: Die Sumpfschwimmerin Marta Press Verlag Jana Reich, Hamburg 2017

Was für ein sperriger Titel, dieses Wort mit dem Knoten aus sieben Konsonanten. Klingt nach Kampf, nach lähmender Zähe, nach Ersticken, nach Durchbeißen. So wie das Leben von Inge, das die Autorin beschreibt. Wie unser Leben in den letzten DDR-Jahren. Die Geschichte führt in das Ostberlin der End-Achtziger, in die Szene der Künstler, der Bürgerrechtler, der Menschenrechtsgruppen, der Frauen- und Lesben. Dazu Rückblenden in Inges Heimat, einem Kaff im Thüringischen. Ja, Künstler, nicht KünstlerInnen. Und Bürgerrechtler, nicht BürgerrechtlerInnen.

Diese Geschichte, die auch meine berührt, habe ich so noch nicht gelesen. Wie machomäßig die DDR-Bohemé strukturiert war, und wie wir Frauen das nicht nur hingenommen, sondern die Gurus angehimmelt haben. Genau! Das begreift eine wohl erst, wenn sie selbst einen Sumpf durchschwommen hat. Der Widerstand gegen die IWF-Tagung (Telefonterror und Ost-Kleingeld-Regen beim umrahmenden Kulturprogramm für die Gattinen der Bonzen) – beängstigend aktuell nach dem G20-Gipfel in Hamburg. Die beiden Westberliner Wendo-Trainerinnen, die mit Perücke auf ihrem Iro nach Ostberlin einreisen, um den Frauen zu zeigen, wie sie sich verteidigen können. Bei den Ostfrauen treffen sie zunächst auf Unverständnis: Verteidigen? Wogegen? Die Freundinnen, Angelika, Iris, Petra. Der Mief, der Pief, die Enge. Die Mechanismen, die uns klein hielten, die Freiräume, die uns hielten. Und schließlich, doch: der Ausreiseantrag.

Bei Inge beginnt dieser Weg mit einem Kranz für die ermordeten lesbischen Frauen im Konzentrationslager R(avensbrück). Naiv, klar. Zuführungen, Verhöre. Schikanen. Denn sowas (SOWAS!) gab’s ja nicht. Waren alles Kommunistinnen, erklärt Rosel, eine KZ-Überlebende, den Frauen, die sie besuchen, weil sie viele Fragen haben. Doch auch Fragen gab’s nicht im Osten. Nur Antworten.

Ich hab das Buch hintereinander weg gelesen, oft sehr berührt, manchmal sogar mit Tränen. DDR-Geschichte, Frauengeschichte. Ja, die Ostfrauen tickten anders, viele hatten einen blinden Fleck bei Übergriffen und Abwertungen, weil das irgendwie normal war, so habe ich es jedenfalls erlebt. Bin froh, dass wir jetzt die Chance haben, das zu sehen und uns damit auseinanderzusetzen.

(Unter uns: Dieses Wort hat Eingang in meinen Sprachschatz gefunden: Sumpfschwimmerin. Gegen eine fette, zähe, dreckige Brühe kämpfen, die am Weiterkommen hindert. Klassetitel!)

29.6.2017: Endlich! Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat das Regelwerk für die Rechtschreibung aktualisiert, also dem tatsächlichen Gebrauch angepasst. Einige grässliche Eindeutschungen (“Majonäse”, “Wandalismus”) gelten jetzt beim Diktat wieder als Fehler. Wichtig zudem: Es gibt einen neuen Großbuchstaben: das ß (Tastatureingabe: Alt1E9E). Jetzt müssen nur noch alle Computertastaturen umgebaut und alle Schriftarten um diesen Buchstaben ergänzt werden. Immerhin steuert der Rat mit dieser Entscheidung der Tendenz entgegen, den Buchstaben ß ganz abzuschaffen.

Vollständiges Regel- und Wörterverzeichnis

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