Feeds
Artikel
Kommentare

Voll Grass, ey!

Mächtig auf den Putz gehauen hat Grass mit seinem – ähm – Gedicht “Was gesagt werden muss”. Inhaltlich stimme ich dem alten Mann zu: Keine Waffenlieferungen an Israel! Und ja, auch Israel muss man kritisieren dürfen. Bloß dass über Inhaltliches niemand redet. Statt dessen steht Grass als Person im Mittelpunkt der Kritik. Voll Grass, ey!

Dass Israels Politik kritisch zu sehen ist, meinte übrigens bereits Erich Fried, der große Moralist der Bundesrepublik. Mit Sicherheit war der kein Antisemit und ein verkappter Rechtspopulist erst recht nicht:

Als wir verfolgt wurden
war ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
wenn ihr Verfolger werdet?

Eure Sehnsucht war
wie die anderen Völker zu werden
die euch mordeten
Nun seid ihr geworden wie sie

Ihr habt überlebt
die euch zu grausam waren
Lebt ihre Grausamkeit
in euch jetzt weiter?

Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
“Zieht eure Schuhe aus”
Wie den Sündenbock habt ihr sie
in die Wüste getrieben

in die große Moschee des Todes
deren Sandalen Sand sind
doch sie nahmen die Sünde nicht an
die ihr ihnen auflegen wolltet

Der Eindruck der nackten Füße
im Wüstensand
überdauert die Spur
eurer Bomben und Panzer
(Erich Fried)

Nachtrag:
hintergrund.de bringt eine Übersicht über die Kommentare von Intellektuellen, die sich zustimmend mit Grass auseinandersetzen. Darunter sind Leute wie Noam Chomsky, Norman Paech und Moshe Zuckermann.

Als Wissenschaftlerin fühle ich mich verpflichtet, möglichst viele Schreibwerkzeuge und –techniken zu beherrschen und scheue dabei keine Unannehmlichkeiten. Mein aktueller Selbstversuch: Ich erlerne die Daktylographie, die Kunst des Zehn-Finger-Tastatur-Schreibens.

Unter dem Titel:
Taste it! oder wie ich lerne, die Tasten zu tasten

erscheint hier das Protokoll dieses großen Projektes und wird von mir laufend aktualisiert

Versuchsbeginn: 15. März 2012 um 10.30 Uhr MEZ
Die Methode: gestützt auf moderne Mnemotechnik (NLP-orientiert und die Sinne ansprechend) die Zuordnungen der Buchstaben/Zeichen zu den Tasten lernen, immer wieder schreibend memorieren und so lange üben, bis sich eine Automatisierung der Fingerbewegungen einstellt.
Ausgangssituation und Motivation: Bisher nutzt die Probantin ein von ihr selbst intuitiv entwickeltes Zwei-mal-drei-bis-vier-Fingersystem, das der ständigen Blickkontrolle bedarf. Das damit verbundene Neigen des Kopfes führt aufgrund einer orthopädischen Schädigung regelmäßig zu Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen und Migräne.
Hilfsmittel: Zwei Schreibprogramme wurden bereits getestet und verworfen. Beim ersten handelte es sich um die kostenlose Demoversion eines Schreibtrainers, die lediglich die Buchstaben der Grundreihe umfasste: asdfg und äölkjh. Die zweite war Inhalt eines Schreiblern-Kurses der örtlichen VHS. Beide erschienen der Probantin wegen inhaltlicher Widersprüche als mnemotechnisches Hilfsmittel ungeeignet, um sich die Zuordnung Buchstaben/Zeichen immer wieder zu erschließen. Die Probandin entschloss sich, ein eigenes Mnemo-Gerüst zu entwickeln, das hier vorgestellt werden soll. Unterstützend soll zudem das Buch: Maschinenschreiben. Grundlehrgang. Vom Verlag Die Wirtschaft Berlin (Ost) 1987 zur Anwendung gebracht werden. (Anm.: ich liebe Funktionsverbgefüge. Endlich darf ich sie verwenden!) Zudem wird das Hilfsprogramm Tipp10 für Übungszwecke eingesetzt.
Das Prinzip: Die Schreiblern-Programme versprechen den Erwerb der Schreibkompetenz (und die attributiven Genitive auch!) in wenigen Stunden. Sie basieren auf einer Geschichte, deren bedeutungstragende Wörter jeweils mit den entsprechenden Buchstaben der Tastatur beginnen. Diese Bedeutungen werden miteinander verknüpft, so dass eine fortlaufende Handlung entsteht: also beispielsweise eine Ameise, die in eine rote Stadt wandert, wo sie auf einer grünen Dachterrasse (?) durch ein blaues Fenster ein blaues Geschenk erblicken soll. Die bedeutungstragenden Elemente werden, wie hier deutlich gemacht, zudem mit Farben unterstützt, und, in einigen Fällen, mit anderen Sinneseindrücken wie Gerüchen (olfaktorisch), Geräuschen (akustisch) oder Geschmack (gustatorisch) verknüpft. Vermittelt wurden diese Elemente zunächst akustisch im Rahmen einer mit Fahrstuhl-Musik unterlegter Entspannungsübung.

Die Handlungen sowie einige Verknüpfungen der Farben und Bedeutungen empfand die Probandin zumeist als unlogisch, unethisch oder unappetitlich. So sollte in einem Fall „leckeres gelbes Wasser“ getrunken werden, was gewisse Assoziationen weckte. In einem anderen sollte Suppe aus Haifischflossen gegessen werden, was die Probandin aus ethischen Gründen ablehnt. Die Probandin entschloss sich deshalb, den Prinzipien der Schreiblern-Programme folgend, eine eigene Geschichte zu entwickeln, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.

An dieser Stelle folgt nun der erste Praxisbericht. Der Einfachheit halber verwendet die Probandin zunächst die Technik des Free Writing. Zu beachten ist zudem, dass die Nutzung der Umschalttaste für die Großschreibung noch nicht Bestandteil der Lektion war

die finger liegen in aurdsgangangsopositipon.l kjsgero´ßscfjhrweiboung wadr n

Die Probandin unterbricht an dieser Stelle ihre Übungseinheit, die sie auf einen späteren Zeitpunkt vertagt.

Wann habe ich Dich eigentlich gekauft? Oder habe ich dich geerbt, von meinem Bruder oder meinem Vater? Oder hat Dich meine Mutter „gefunden“? Wahrscheinlich warst Du eines Tages einfach da, in einer Schublade mit abgebrochenen Blei- und Buntstiften und leeren Drehbleistiften. Denn du bist älter als alle anderen Schreibmittel, die ich täglich benutze. Naja, da gibt es noch den alten Parker-Füller mit Tintentank. Aber der zählt nicht, denn der ist sozusagen antik. Und er ist zu dick und kratzt.

Antik bist Du jedenfalls nicht. Aber schlank, griffig und leicht. In einen metallenen Zweireiher dezent gehüllt, schwarz mit goldenen Streifen. Das trägt nicht jeder. Und Du liegst gut in der Hand, hinterlässt kaum Druckstellen am Mittelfinger. Auch nicht nach langen Schreibmarathons.

Nie hast du störrisch gekleckst. Nie hatte ich Tinte am Finger – jedenfalls nicht von dir. Deine Feder gleitet wie von selbst über das Papier, hinterlässt eine weiche, breite Spur. Du warst mein Privat-Sekretär. Ich habe Dir vertraut. Lange Jahre durftest Du mir das Tagebuch führen. Das ist eine besondere Aufgabe, eine Vertrauensstellung. Ein Tagebuch-Füller muss zuverlässig sein. Er darf den traurigen und aufregenden Erlebnissen, den Reflektionen, Träumen und Erinnerungen keinen Widerstand entgegen setzen. Er muss die Handschrift stärken, damit man auch nach Jahren alles noch einmal lesen, die Zeit wieder lebendig machen kann.

Der rote Faden in meinem Leben bist du. Obwohl Du mal grün warst und mal schwarz, mal violett, meistens jedoch königsblau. Manchmal bist Du dünn und blass. Manchmal zittrig, knittrig, unsicher, wie im Dunkeln hingeworfen. Manchmal groß und energisch. Manchmal eng und dicht, immer wieder neue Gedanken in Frei- und Zwischenräume gestopft. Und manchmal ist auch was aufs Papier getropft und hat die Schrift verwaschen. Tränen vielleicht oder Tee.

Und jetzt? Ich hoffe, Du kommst ins Füllerparadies. Oder vielleicht wird aus Dir ein neuer Füller gemacht. Einer, mit dem ein Kind schreiben lernt, ein Dichter ein Gedicht schreibt oder einen Roman, eine Liebende einen Liebesbrief. Doch wenn Du bei einem Manager landest von einem Konzern oder einer Bank, einem Unternehmensberater oder einem Politiker. Und der nimmt dich aus seiner Tasche, schraubt Dich auf und setzt an, um mit Dir Kündigungen zu unterschreiben oder Milliardendeals und mit einem Federstrich Existenzen zu vernichten. Dann mein Lieber – darfst du klecksen!

Aus alter Verbundenheit mit der Kirche von Unten in Berlin (uralter Text von mir, schau an) muss ich diesen Artikel im Freitag über Joachim Gauck nachtragen (und hier aus dem Blog von Rudolf Augstein). Er beschreibt, wie Gauck 1988 in Rostock einen Kirchentag von Unten, wie er im Jahr zuvor in Berlin stattgefunden hatte, verhinderte. Allerdings, nix für ungut liebe AutorInnen, die echten Insider erkennt man daran, dass sie das korrekte große U benutzen: Kirchentag von Unten

Katzenmorgen

Glückskatzen, Dreifarbkatzen. Die beiden Tiere hocken auf der anderen Seite des Zauns. Warten sie auf die alte Frau, die ihnen gestern Futter gab?

Zum zweiten Mal bin ich heute mit dem Rad zu einer Morgentour unterwegs. Es ist halb neun. Wie gestern ist das Tor am Eingang zum Badesee verschlossen. Doch gestern kauerte eine weißhaarige Dame auf dem Bürgersteig und füllte einen flachen Teller. Die Katzen strichen ihr um die Beine und sie redete ihnen beruhigend zu. Ein Mann in roter Jacke kam näher, blieb stehen. Vielleicht wird er schimpfen, dachte ich. Weil doch jemand die wilden Katzen füttert. Doch er sagte ein paar freundliche Worte des Einverständnisses. Etwas wie: Wo ist denn die Graue? Im Vorbeifahren sah ich seine Augen. Sie strahlten.

Und dann taucht seine rote Jacke am Ende der Straße auf. Ich fahre vorbei, will ihn grüßen, doch er sieht mich ruhig an, ohne ein Zeichen des Wiedererkennens. Am Autohandel beladen zwei Männer einen Transport. Einer fährt mit einem Pkw rückwärts die Laderampe hinauf. Er ist schon am Ende der Rampe, doch er gibt noch einmal kurz Gas. Noch einmal. Hat er keine Angst, herunter zu fallen? Ein Stück weiter die Straße herunter die Katzenfrau. Frau Ahavzi. Neben ihr eine noch ältere, die sich langsam mit ihrem Rollator bewegt.

Ein Zufall hat mich in eine fremde Welt getragen. Die Katzen, die genau wissen, wann die Frau mit dem Futter kommt. Der Mann mit der roten Jacke, der jeden Morgen das Tor aufschließt. Und ich, Außenstehende noch, werde jeden Morgen, mit jeder Begegnung ein Teil von dieser Welt. Ist diese Welt auch ein Teil von mir?

Gauck oder nicht Gauck

Von Gauck als neuen Bundespräsidenten halte ich nicht viel. Darin fühle ich mich bestätigt durch Hans-Joachim-Tschiche (und hier), von dem ich wiederum sehr viel halte. Und auch die Süddeutsche hat ehemalige Weggefährten befragt, die überwiegend skeptisch sind. Warum nicht endlich eine Frau – Seyran Ates zum Beispiel würde mir gut gefallen. Und überhaupt hat mich unser zuvoriger BP, zumindest seine Äußerungen zum Thema Integration, positiv überrascht. Warum jedoch fragt niemand mehr nach Inhalten? Zudem hat Wulff wohl nichts anderes getan, als in der Politik üblich ist. Doch das große Aufräumen dazu bleibt aus. Man konzentriert sich auf die Person Wulffs und glotzt sogar der Schwiegermutter in den Geldbeutel. Also bitte! Dem geht doch jede Würde ab! Und jetzt haben wir einen Kuckuck – und haben das wahrscheinlich nicht besser verdient.

Nachtrag nach dem Zapfenstreich: Bei Wulff neige ich zum Fremdschämen. Der Mann ist wirklich absolut und nachhaltig demontiert. Gruselig, wenn die Bildzeitung ihre Zähne zeigt und der kleine Mann seinen Sozialneid auslebt. Wulff wirkt nicht wie das Guttenberg-Stehaufmännchen, eher wie einer, der versucht, Haltung zu bewahren.

Bildung schadet: Ein Fundstück im Freitag zum Thema gute Arbeit für schlechtes Geld oder schlechte Arbeit für gutes Geld. Spricht mir aus der Seele. Wissen als Schlüsselressource? Bildung ist alles? Dass ich nicht lache! Gut ausgebildete Akademikerin mit Anspruch und Begeisterung erledigt Aufträge für Dumping-Preise. Immer wieder ein Balanceakt. Wo ist die Grenze, wo muss ich mich so stark verbiegen, dass ich mein Alleinstellungsmerkmal verliere? Wann bin ich so weit, dass ich als Selbstständige auch die miesen 0-8-15-Jobs annehmen muss und damit meine Fähigkeiten, mein Wissen und meine Erfahrungen wegdrücke und mich für teuer oder weniger teuer Geld unter meinem Wert verkaufe? Frustrierend ist das.

Tierisch falsch

Bei diesem Artikel in der Thüringer Allgemeinen vom 30.1.2012 ging so ziemlich alles schief. Name falsch, falsches Bild und das auf der Kinderseite!
Josephine Jünge: Beitrag in der TA vom 30.1.2012
Das möchte ich sehen, wie Flöckchen mit dem Schwanz wedelt. Arme Josephine: Bestimmt haben die Eltern extra eine Zeitung gekauft und das Kind war enttäuscht. So entstehen frühkindliche Traumata.

Quelle: Thüringer Allgemeine vom 30.1.2012. Danke an Annelie für den Tipp.

Dieses Foto muss ich noch vom Winter 2011 nachtragen. Sie erinnern sich: meterhohe Schneeberge am Straßenrand, Treppen verschwinden unter Schneemassen … und grammatisch nicht ganz einwandfreie Warn- und Verbotsschilder wachsen aus der weißen Pracht. Meinen verspäteten Dank an die Fotografin, Susanne Wolf-Kaschubowski.

Schild: Rodeln verboten an den Erfurter Domstufen

Rodeln verboten! Foto: Susanne Wolf-Kaschubowski, 2011

Was für eine entzückende Dekoration für die Stadt: Erfurter Paare dokumentieren ihre Liebe mit Vorhängeschlössern an Brücken. Die Schlüssel werfen sie ins Wasser. Die Idee stammt aus Rom, der Stadt der ewigen Liebe. Wer fängt mit sowas an? Und wer macht damit weiter? (Dank an Annelie für den Tipp)
Vorhängeschloss an Erfurter Brücke

Ältere Artikel »