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Baumgeschichten

Hieroglyphen

Nach einem Tages-Seminar “Biografisches Schreiben”:
Die Raucher. In Seminaren nenne ich sie gern: die Sich-Verdrücker. Wenn’s ernst wird, ziehen sie sich zurück auf ihre Raucherinsel. Unbehagen? Sich auf ein Thema einlassen? Erstmal eine rauchen! Draußen sitzen sie und schwatzen und bringen meine kunstvolle Hinführungs-Architektur zum Rieseln. Beim Reinkommen sind sie übertrieben leise (“Pscht!”), nehmen probeweise den Stift. Sagen halblaut in die Runde: “Nee. Das geht nicht. Ich kann einfach nicht auf Kommando schreiben.” Grrr!

Der Weihnachtsmann (danke Mutti!) hat mir einen E-Book-Reader beschert. Weil ich inzwischen tief im Lesebrillen-Alter stecke, war ich angetan von der Möglichkeit, Geschriebenes so lesefreundlich zu machen, wie ich es brauche: die Buchstaben zu vergrößern, eine andere Schrift einzustellen oder das Display zu beleuchten. Zudem reizt mich die Möglichkeit, mit Hyperlinks einen Text mehrdimensional aufzufächern. Und nicht zuletzt der praktische Aspekt: Wer will schon auf längeren Reisen einen Stapel fette Schwarten mit sich herum schleppen?

Auf dem Reader waren unendlich viele, gemeinfreie Bücher vorinstalliert, ich entdeckte Rilke-Gedichte und schmökerte los. Und musste schnell die Brille wieder rausholen, denn wenn ich die Schrift größer stellte, gab’s mitten in der Verszeile einen Zeilenumbruch. Und das geht ja nun garnicht! Sakrileg! Überhaupt: Kein Layout mehr. Kein wohlausgewogener Gesamteindruck von Schriftbild und Seite. Bei der Zeitungs- und Buchgestaltung kann die richtige Zeilen- und Buchstabenaufteilung echte Fitzelarbeit sein: Blocksatz so zu spationieren, dass keine großen Löcher entstehen, die das Schriftbild zerreißen. Dieses Problem gibt’s bei E-Books schonmal nicht. Doch ich finde es irritierend, dass die Formatierungen variabel sind und Satzspiegel und Seitenaufteilung sich ändern. Schrift pur. Nichts sonst.

Daran habe ich gemerkt, wie wichtig mir der Griff zum gedruckten Buch ist. Jedes ist einzeln und unverwechselbar. Schrift, Satzspiegel, Papierstärke, Dicke, die Stärke des Einbandes, Geruch, Fettflecken und Eselsohren, geben ihm etwas Unverwechselbares, Persönliches. Vermutlich wird das digitale Lesen unser Verhältnis zu Texten grundlegend verändern. In einem E-Book-Reader stecken alle Geschichten in derselben Verpackung. Für mich geht damit etwas von ihrem Glanz verloren. Wie ändert sich der Inhalt, wenn die Form beliebig ist?

Wieder einmal holt die Deutsche Post zu einem vernichtenden Schlag gegen ihren Lieblingsfeind aus: ihre Kundschaft. Genauer gesagt, die Ewiggestrigen, die immer noch Briefe schreiben und sie per Post befördern lassen wollen. Eigentlich postalisches Kerngeschäft, sollte man meinen. Doch es sieht immer mehr so aus, als wollte die Post das unrentable Briefgeschäft klammheimlich ausbluten lassen. Wer schon einmal mit einem dringenden Brief in der Hand die Straßen auf der Suche nach einem Briefkasten abgeklappert hat (ich weiß genau, hier war mal einer!), weiß, wovon ich rede.

Briefkästen verschwinden einfach (Wissen Sie noch? Diese gelben Blechdinger, in die man seine Post werfen konnte, also die Papierpost meine ich). Die vorhandenen werden immer seltener geleert. Postfilialen schließen oder können, wie bei uns hier, nur überleben, weil sie sich Räume und Arbeitskräfte mit einer Textilreinigung teilen. In den letzten Jahren stieg das Porto in exorbitante Höhen, immer wenn man glaubte, jetzt reicht’s aber, legte die Post noch was drauf. Kaum hatte ich den ersten Stapel 2-Cent-Zusatzbriefmarken abgearbeitet, mit dem man die Briefmarken aufstocken konnte, kam schon der 3-Cent-Ergänzungsstapel, den ich schließlich mit einem 5-Cent-Stapel kombinieren konnte. Und ab 2016 soll das Porto schon wieder erhöht werden: um ganze 8 auf 70 Cent. Pro Brief!

Briefe schreiben: wird das jetzt Luxus? Verkommt das Schreiben mit der Hand zu einem Hobby der altmodischen Bildungsbürger? Briefe! Keine E-Mails! Mit der Hand, einem Füller, auf schönem Papier! Direkt Kopf – Hand – Buchstabe. Mein Vorschlag: Briefe künftig nach dem Schreiben einscannen und per Mail verschicken. Und groß den Hinweis plazieren: Bitte auf 100g-Büttenpapier ausdrucken!

Gender live: noch eins

“Es sollte jedem selber überlassen sein, wie er entbindet.”

(Gehört auf MDR Figaro, in einem Feature über Kaiserschnitt-Entbindungen. Anscheinend handelt es sich um ein Zitat aus einem Forum)

Freitag, der 13.

Aberglaube

Vierblättriges Kleeblatt: Lieschen fand’s am Rain.
Vor Freude, es zu haben
Sprang Lieschen über’n Graben
Und brach ihr bestes Bein.

Spinnelein am Morgen: Lieschen wurd’ es heiß.
Der Tag bracht’ keinen Kummer,
Und abends vor dem Schlummer,
Bracht’ Vater Himbeereis.

Der Storch bringt nicht die Kinder,
Die Sieben bringt kein Glück.
Und einen Teufel gibt es nicht in uns’rer Republik!

Dieses wunderbare Zeugnis DDR-deutscher Poesie stammt (na?) von Bertold Brecht (wer hätte das gedacht!) und geistert seit der dritten Klasse in den Kammern meines Gedächtnisses umher. Heute, am Freitag, dem 13. November 2015, hat es die Nase ins Licht gesteckt und wird an dieser Stelle allen angstbefangenen Abergläublingen präsentiert. Und wenn ich die Zeilen dem Reim gemäß umbreche: Ist es gar ein Sonett? Ein nicht ganz vollendetes?

Nachtrag: Nach den Ereignissen dieses Abends mag ich über Aberglauben nicht mehr scherzen.

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