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Als ich die Amseln ins Spiel brachte, schlug sofort die Stimmung um: Alle atmeten erleichtert auf, ein Lächeln kroch auf die Gesichter. Wir hatten über Corona diskutiert, über Corona geschrieben, Corona hier und Corona dort. Mir wurde klar: Ich habe keine Lust mehr auf Corona. Und meine KursteilnehmerInnen im Kultur: Haus Dacheröden offensichtlich auch nicht. Es reicht. Es ist genug. Corona, verpiss dich!

Wie war doch gleich das C-Wort, das in den letzten Wochen die Sprache okkupiert und das Leben bestimmt hat? Einfach alles war Co… Und jetzt? Mit einem Schnipp! sind wir wieder im Ursprungsmodus, die Kids in der Schule, das Home-Office aufgelöst, die Enkel bei den Großeltern, wir haben wieder Demokratie. Endlich wieder Struktur im Alltag, endlich wieder Platz für Schreibroutine. Chaotisch-Beängstigendes ist vorbei, die Frisur gerichtet und frisch getönt, die langen Haare sind ab.

»Nach Corona wird nichts mehr so sein wie vorher« – schon vergessen? Vom bedingungslosen Grundeinkommen haben wir geträumt, vom Umbau des Gesundheitssystems in eines, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, von angemessener Bezahlung für die Care-Berufe. Keine Autos, keine Flugzeuge, kein Industrie-Dreck.
Und jetzt? Geblieben sind Abstand und Maske.

Jetzt, wo sich alles wieder lockert, und wir scheinbar ohne größere Blessuren in den Alltagsmodus fallen können, fragen sich viele, ob der “Lockdown” (scheußliches Wort) wirklich nötig gewesen ist. Ich kann das nicht beurteilen, und ich will das auch nicht. Aber: Mich irritiert der Ton, in dem die Diskussionen geführt werden. Klar gibt es Spinner, mehr als genug. Doch es ist gefährlich, Personen, die vor den massiven Einschränkungen demokratischer Grundrechte warnen, in einem Topf mit VerschwörungstheoretikerInnen, Rechten und EsoterikerInnen, ReichsbürgerInnen und anderen zu werfen. Die Emotionalisierung der Debatte beunruhigt mich sehr, und erinnert mich an die Argumente zum Jugoslawienkrieg, als allen, die gegen eine deutsche Beteiligung waren, unterstellt wurde, sie hätten auch den Holocaust der Nazis billigend in Kauf genommen.

Zur Demokratie gehört das Aushandeln. Es gehört dazu, dass möglichst viele Stimmen gehört werden, dass auch Minderheiten zu Wort kommen, die keine Lobby haben, Behinderte, alte und kranke Menschen, Illegale, Kinder, Sterbende.

Ich erwarte, dass die Regierung bei so massiven Eingriffen Verhältnismäßigkeiten abwägt und zwar auf der Grundlage einer maximal umfassenden Information – dafür habe ich sie gewählt, und dafür bezahle ich sie mit meinen Steuergeldern (nagut, das ist bei mir nicht viel). Und als Wählerin habe ich das Recht (die Pflicht!), die Regierung an ihre Pflicht und an das Grundgesetz zu erinnern. Dabei darf ich nicht mit der Moralkeule erschlagen werden. Keiner darf mir deshalb unterstellen, ich würde Menschenleben aufs Spiel setzen. Damit unsere ethischen und moralischen Grundwerte nicht aufweichen, muss jetzt offen über die negativen Folgen der Kontaktsperren gesprochen werden, darüber, dass auch in Krisenzeiten das Grundgesetz gilt und dass die Würde des Menschen unantastbar ist und bleibt.

Juli Zeh hat über dieses Thema im “Focus” geschrieben. Und wurde, wie soll es anders sein, beschimpft.

Nachtrag 28.5.: In einem Interview hat Christine Lieberknecht den Kirchen vorgeworfen, sie habe in der Corona-Zeit Sterbende alleingelassen und ihren Auftrag nicht erfüllt. Die Kirchen haben die Kritik zurückgewisen, inzwischen hat sich Frau Lieberknecht mit ihrem Landesbischof ausgesprochen, hieß es.

Coronista

Kein Corona-Tagebuch. Keine Glosse über Hamsterkäufe. Kein ABC-Darium mit Aufzählungen, was mir alles (nicht) fehlt, wie die Gesellschaft umdenken muss und dass nichts mehr so sein wird wie vor Corona. Nix über die tapferen VerkäuferInnen und die überlasteten Krankenschwestern, ÄrztInnen und AltenpflegerInnen. Keine Dys-, keine Utopie. Nix über bedingungsloses Grundeinkommen. Nein, ich strecke mich in der sozialen Hängematte aus (Arbeitslosengeld!), arbeite nach und nach alle Arbeit ab, die sich angesammelt hat (Wahnsinn! Was für ein riesiger Berg!), gehe jeden Tag spazieren, manchmal sogar mitten auf der Straße, ich mache Sport und backe Brot, jetzt wo es wieder Mehl gibt, und betrachte mit großer Freude und Zufriedenheit unsere Klopapiervorräte.

Corona macht mir keine Angst – der Tod gehört zum Leben. Aber vieles, was gerade passiert, beunruhigt mich. Zum Beispiel, dass der Vater einer Freundin ganz allein im Pflegeheim sterben musste, seine Angehörigen und sogar seine Ärztin ihn in seinen letzten Stunden nicht besuchen, ihm beistehen und Abschied nehmen durften. Die Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber, die auf Lesbos oder in anderen Lagern ausharren müssen. Angst macht mir, wie fragil sich Gewohntes, bisher scheinbar Unzerstörbares, erweist. Dass ein großer Teil unserer Wälder einen weiteren trockenen Sommer nicht überleben und der Klimawandel Nordeuropa wahrscheinlich in eine Steppe verwandeln wird, und dass das vielleicht schon im nächsten Jahr sein wird. Dass nach den Amseln jetzt auch die Meisen eine Krankheit haben sollen, die den Bestand dezimiert. Und dass trotz alldem gesunde Bäume gefällt und Glyphosat versprüht und die Massentierhaltungen fortgeführt und Flugzeuge und Autoverkehr nicht auf ein Minimum reduziert werden – das macht mir Angst.

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Das Unsagbare auszudrücken, und zwar so, dass andere es auch annehmen können, reizt mich. Hinter diesen beiden Halbsätzen steckt eine Transferleistung, ein Prozess: “Unsagbares ausdrücken. Andere sollen es lesen können.” Es geht um mehr als darum, Betroffenheit zu artikulieren und “alles rauszulassen”.

“Alles rauslassen”, ist das nicht Poesietherapie? Im Prinzip ja, aber – nicht einfach so, ungefiltert. Wenn ich nur für mich schreibe, soll mir das gut tun, keinesfalls sollte ich mich in Gedankenschleifen festfahren und steckenbleiben. Wenn mein Text andere ansprechen soll, muss ich mir einen gewissen Status von Bewältigung erarbeitet haben, der meine LeserInnen mitnimmt und ihnen per Identifizierung eine Katharsis ermöglicht. Bedeutet bei mir, viel zu überarbeiten.

Ob nur für sich oder mit der Absicht einer literarischen Bewältigung: Wer über Traumata schreibt, muss aufpassen, von seinen Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Dann rutscht man in die traumatisierende Situation, der Körper reagiert auf die scheinbar akute Gefahr z.b. mit Dissoziation, Schreibblockade, aus.

Das heißt fürs Schreiben: Gefühle (und Kopf) weglassen. Keine Analysen. Schildern, was zu beobachten ist, wie die Leute reagieren, wie sie ihre Körperempfindungen ausagieren. Nicht interpretieren. Nicht behaupten: Jemand hat Angst. Beschreiben: Was macht derjenige gerade? Woran erkennt man, dass er/sie Angst hat, wütend ist, überwältigt wird, sich hilflos fühlt? Das grundlegende Handwerkszeug guten Schreibens also, den Empfehlungen in vielen Schreibratgebern entsprechend, mit Adjektiven und Zuschreibungen sparsam umzugehen. Gut ist auch, einen Gegenpol in der Geschichte zu haben, vielleicht eine Liebe oder eine Freundschaft.

Seitdem ich es so mache, fühlt es sich für mich gut an und die Texte sind nicht nur lesbar, sondern haben manchmal eine große Wucht. »Schreibend kommt man über die Dinge«, meinte Christa Wolf, und ich sehe das auch so. Eine Verletzung ist der ideale Urgrund einer aventiure, danke Ulrike. Aber man muss aufpassen, sich damit beschäftigt haben und den Unterschied zwischen Gefühlen (Kopf) und Empfindungen (Körper) spüren und machen. Texte, die traumatisieren oder Traumata antriggern, will niemand lesen. Die Leute wollen Stellvertreter-Geschichten, die ihnen helfen, über ihre eigenen Dinge zu kommen. Zu Recht.

Tipps fürs Schreiben:

  • Namen ändern! Mit der Erzählstimme spielen: Ich-ErzählerIn? 3. Person?
  • Handlung! Zeigen, nicht behaupten!
  • Gute Vorarbeit! Steckbrief von Personen ausarbeiten, nicht vergessen, ihr Äußeres zu schildern (man neigt dazu, weil man die Beteiligten ja kennt), Handlung/chronologischen Ablauf vorab skizzieren
  • Körperempfindungen schildern, wie ein Außenstehender sie beobachten würde. (auch wichtig, um sich selbst zu schützen)
  • mit Distanz spielen (Perspektive: rin in den Kopp der Protagonisten – und wieder raus und von außen gucken.)
  • Humor! (nicht Sarkasmus oder Ironie)

Handwerk nicht vergessen, erzählerische Basics im Blick behalten:

  • Struktur: Entwicklungen und zeitliche Verläufe deutlich machen, Rückblenden einsetzen, nicht zu viel analysieren.
  • Auf Erzähltempus achten, sprachliche Mittel bewusst einsetzen, um Geschwindigkeiten zu regulieren.
  • Dramaturgie beachten, Plot Points, Verknüpfungen schaffen
  • auf blinde Flecken achten (Testleser!) (manches sieht man nicht oder es ist so selbstverständlich, dass es für einen selbst immer mitschwingt.)
  • Vorsicht bei Bildern und Metaphern. Sie können helfen, Distanz zu finden, aber können auch schnell zu viel werden. Besser: ein durchgehendes Motiv finden, das es erlaubt, Unsagbares (z.B. Dissoziation) deutlich zu machen

Und natürlich: auf sich aufpassen! Pausen machen, sich beim Schreiben erden, sich Rituale suchen. Manchmal zünde ich vorm Schreiben eine Kerze an. Wenn ich mein Pensum bewältigt habe, stelle ich mir vor, einen Topf zuzumachen, dann puste ich die Kerze aus und mache eine Computer-Pause.

Technisches:

  • kritisch bleiben, den Text nicht zu früh aus der Hand geben, viel überarbeiten
  • Testleser! am besten Profis, die was vom Handwerk verstehen, achtsam kritisieren und auf der Sachebene bleiben. Bemerkungen wie “Du musst aber schon schlimme Sachen erlebt haben” sind kontraproduktiv.
  • übers Schreiben reflektieren, z.B. Schreibtagebuch führen.

Ich benutze ein Heft und habe zudem im Computer neben dem fortlaufenden Text einen Ordner mit »Überlegungen« (aus dem heraus ich Sachen auch in andere Ebenen heben kann, z.B. diesen Text hier). Ich setze Techniken ein, die nicht stoff- oder/und stark formgebunden sind (Freewriting, Cluster). Wenn ich gut, nee, wenn ich mies drauf bin, aber nicht so mies, dass mir nichts mehr einfällt, spiele ich mit Formen: Leipogramm, Anagramm, Konstellationsgedicht nach Eugen Gomringer …

Aber das gehört jetzt schon wieder in die Kategorie Betriebsgeheimnis.

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